Covid-19: Stimmig verhalten im Ausnahmezustand – Ein Orientierungsangebot

Positionierung in Zeiten der Pandemie –  Eine ganz persönliche Herausforderung

Covid-19 ist vor unserer Haustür angekommen. Es ist eine Ausnahmesituation, in der ich um die richtige Haltung, die angemessene Positionierung, die vernünftige Einstellung ringe. Wie soll ich mit dieser so außergewöhnlichen Situation umgehen?  Um mich herum erlebe ich alles Mögliche – von Bagatellisierung bis zum Hamsterkauf. Und so habe ich mir die Frage gestellt, ob das ganze Beraterwissen nicht auch mal ganz lebenspraktisch hilfreich sein kann. Ich sollte doch zumindest in der Lage sein, mich in dieser Lage selbst zu beraten!

Das habe ich versucht. Und jetzt möchte ich Euch teilhaben lassen an meinen Überlegungen – ohne missionarischen Anspruch und ohne endgültige Aussagen. Was mich motiviert, meine Gedanken zu teilen? Ich habe den Eindruck, dass in den Argumentationen das ein oder andere durcheinander geht und wir uns auf diese Weise noch mehr verwirren. Hier kommt also mein Angebot zum Sortieren.

Covid-19

Also beginnen wir mit einer merkwürdigen Frage: Was ist das Gute im Schlechten?

Wir können lernen: Wie durch ein Brennglas wird gerade sie Logik unserer Zeit deutlich. Wenn wir bisher von der VUKA-Welt gesprochen haben, dann war das ja eher ein verkopftes Konstrukt. Das Akronym VUKA steht für Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität.  Unsere Welt habe sich verändert –  erklärt die Beraterin. Sie sei volatil, unsicher und komplex, so dass sie nur mit Ambiguität zu bewältigen sei.  Klingt toll und meint genau das, was wir gerade mit Covid-19 erleben. Und das Ganze passiert in einer Weise, die uns alle zum Hinsehen zwingt. Das Virus verändert die Situation andauernd (volatile = flatterhaft-veränderliche Zustände). Die Unsicherheit könnte größer nicht sein, dennoch müssen wir handeln. Ambiguität bedeutet, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen. Wir wollen unseren Alltag schützen, doch das geht nur, indem wir ihn außer Kraft setzen. Alles was wir gerade erleben, ist hochgradig komplex. Es gibt nicht DIE eine Maßnahme, die uns alle wieder in die Normalität entlässt, die Folgen werden vielschichtig sein. Komplex wird etwas, wenn Vielfalt und Unvorhersehbarkeit so groß sind, dass Wenn-Dann-Regeln nicht mehr helfen.

Grundsätzlich gilt für Entscheidungen in einer solchen VUKA-Welt:

  • Wir entscheiden, ohne eine letztendliche Gewissheit über Wahr und Falsch zu haben. Mit absoluter Gewissheit kann uns niemand sagen, was in den nächsten Wochen geschehen wird. Dennoch wollen und müssen wir handeln. Allerdings kann es auch nicht schaden, die Fakten zur Kenntnis zu nehmen. Dazu empfehle ich das hier: Der Beitrag ist super informativ und gut verständlich. Artikel aus Perspektive Daily: Coronavirus: Warum Du jetzt handeln musst!
  • Unsere Entscheidungen können schnell wieder überholt sein, wir können nur auf Sicht fahren und uns nicht für lange Zeit festlegen. Wir müssen also damit leben, dass wir uns schon morgen wieder neu ausrichten müssen. Es geht um einen akzeptablen Weg nicht um die perfekte Auflösung des Problems in Luft.
  • Das alles schließt ein, dass wir uns irren können. Ein Irrtum ist etwas anderes als ein Fehler. Ein Fehler entsteht, wenn eine (richtige) Regel verletzt wird. Ein Irrtum ist immer möglich, wenn wir uns im Ungewissen bewegen. Davor ist keiner gefeit – auch nicht Wissenschaftler und Politiker. Häme, Überheblichkeit, Besserwisserei und Schadenfreude sind daher absolut  fehl am Platze.

Covid-19 ist also zunächst ein komplexes Problem.

Ein Problem ist ein nicht ignorierbares Ereignis, sagt Gerhard Wohland und bringt die Sache damit gut auf den Punkt. Spätestens mit der Schließung der Schulen im Land sind wir alle betroffen, können nicht ignorieren und haben uns zu positionieren. Einfache Lösungen (Wenn-Dann-Regeln) gibt es nicht. Die Vielfalt der Infektionsmöglichkeiten  ist zu groß, als dass wir sie mit der Regel des 30-sekündigen Händewaschens in den Griff bekommen würden.  Es braucht also eine Strategie. Im Sinne von Wohland  ist eine Strategie die Festlegung eines zunächst  inhaltsleeren Handlungsspielraums.  Dieser Spielraum wird  durch Prinzipien des Nichterlaubten begrenzt. Was nicht erlaubt ist, legt der Staat gerade (mehr oder weniger entschlossen-zögerlich-schnell) fest.  Doch es bleibt ein Handlungsspielraum, den jeder Einzelne von uns ausfüllen wird. Wir haben zu entscheiden, wie wir uns in unserem Mikrokosmos verhalten, ob wir uns noch mit den Nachbarn treffen, ob wir unsere Kinder in die Notbetreuung geben, ob wir noch zur Arbeit gehen, ob wir mit den Öffis fahren, ob wir uns die Hände reichen, ob wir Klopapier hamstern…

Das Wertequadrat als Orientierungshilfe

Damit wir in der  VUKA-Welt und im konkreten Covid-19-Fall entscheiden können, braucht es daher Prinzipien und Werte. Es geht um ein Koordinatensystem, das mir hilft, einen Weg durch die alltägliche Entscheidungsvielfalt zu finden. Mein Angebot dazu: das Wertequadrat. Die Idee dazu ist schon 2000 Jahre alt (der gute alte Aristoteles hat’s erfunden). Und wie immer bei guten Sachen ist die Idee simpel jedoch nicht trivial:

Jeder positive Wert entfaltet seine Kraft erst in Balance mit einem positiven Gegenwert: Wenn es zum Beispiel gelingt, Großzügigkeit und Sparsamkeit in Balance zu bringen, dann haben wir eine super Werte-Kombination. Manchmal spricht man auch von Regenbogen-Werten, denn auch ein Regenbogen entsteht nur, wenn Sonne und Regen in Balance sind. Zuviel Sonne bringt Hitze, zu viel Regen führt zur Überflutung. Also: wenn Werte übertrieben werden, entwerten wir sie gleichzeitig. Zuviel Sparsamkeit wird zu Geiz, zu viel an Großzügigkeit wird zur Verschwendung. Beides ist nicht gut, schließt sich aus und birgt Konfliktpotenzial. Die Kunst im Umgang mit Werten aller Art besteht also darin, jeweils den positiven Regenbogen-Wert zu finden und nicht zu übertreiben. Wie gesagt: simpel, aber nicht trivial.

So weit, so gut. Doch was hat das nun mit der Positionierung in Zeiten von Covid-19 zu tun? Ich denke, dass wir genau um diese Balance ringen im Wertequadrat der Corona Zeit. Wie sieht das aus? Hier ist mein Denk-Angebot dazu.

Es geht um die Balance zwischen ICH und WIR, zwischen dem Selbstvertrauen in die eigene Abwehrkraft einerseits und der Verantwortung und Solidarität  für die Menschen in meiner Umgebung andererseits.

Der positive Wert: Selbstvertrauen und Gelassenheit

Natürlich halte auch ich mich erst einmal für unverwundbar: Ich bin gesund und gehöre keiner Risikogruppe an. Mein ganz persönliches Risiko eines Verkehrsunfalls ist vermutlich größer als die Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 zu sterben. Eine einigermaßen gesunde Lebensweise sollte mir helfen, damit das so bleibt. Ich möchte also auch weiterhin gelassen mit meinem allgemeinen Lebensrisiko umgehen. Das halte ich für einen positiven Wert.

Die übertreibende Entwertung: Selbstüberschätzung und Ignoranz

Worin bestünde nun eine Übertreibung und damit Entwertung dieser positiven Grundeinstellung? Angesicht einer Pandemie sollte ich mir meiner biologisch bedingten Verletzlichkeit bewusst sein. Die Ansteckungsgefahr zu ignorieren und die Verhaltensregeln der Experten abzutun, halte ich tatsächlich für ein übertriebenes Selbstvertrauen, das eher etwas mit Blauäugigkeit zu tun hat. Und auch der Verweis auf „früher“ passt hier nicht. Eine Pandemie hatten wir das letzte Mal vor 100 Jahren. Wer kann sich an dieses „früher“ eigentlich erinnern?

Im Sinne meines Selbstvertrauens halte ich es daher für  wertvoll, Heldentum und Unvernunft neu zu definieren. Ja, auch ich habe bisweilen schon mit einer Erkältung gearbeitet und mich für unverzichtbar gehalten. Das war „früher“ genauso falsch wie heute. Ich denke, dass ich mir jetzt und in Zukunft bei jeder Grippewelle einen Gefallen damit tue, Kontakte zu minimieren, Abstand einzuhalten und Hygieneregeln zu achten. Beruflich bedingte Kontakte werde ich unter dieser Maßgabe wahrnehmen. Doch ich werde Alternativen prüfen und vorsichtig sein.

Und nun zur spannenderen Seite im Wertequadrat: der des WIR. In unserer individualisierten Gesellschaft fällt uns das Denken im WIR nicht so leicht.

Der positive Wert: Verantwortung und Solidarität für die Gemeinschaft

Gelassenheit und Selbstvertrauen in meine eigene Gesundheit sind jedoch nur etwas Wert, wenn sie auch die Verantwortung und Solidarität für die Gemeinschaft im Blick haben. Das wird in diesem Thema mehr als deutlich. Covid-19 ist genau genommen ja keine individuelle Krankheit, sondern als Pandemie eine kollektive Erkrankung. Anders gesagt: ob ich oder Du krank sind, ist eigentlich weder wichtig noch schlimm. Den Einzelfall kann man im Griff behalten. Das eigentliche Problem (wir erinnern uns: Problem = nicht ignorierbares Ereignis) ist das massenhafte und explosionsartige Auftreten der Krankheit.  Mag sein, dass ich ein geringes gesundheitliches Risiko trage.  Doch wenn Covid-19 massenhaft um sich greift, überfordert das unser Gesundheitssystem komplett. Das trifft dann zuerst die Risikogruppen –  doch eben nicht nur „andere fremde Leute“.  Wenn das Gesundheitssystem kracht,  trifft es auch  Dich und mich, falls wir uns gerade jetzt ein Bein brechen sollten oder eine Blinddarm-OP brauchen. Solidarität ist also auch hochgradig egoistisch. Mal ganz abgesehen davon, dass wir uns diese Szenarien ersparen sollten. Wir haben jetzt aus meiner Sicht Chance und Pflicht gleichermaßen zusammenzurücken und aufeinander zu achten. Die Corona-Situation und alle abgeleiteten Maßnahmen werden uns Schaden zufügen, keine Frage. Jeder von uns zahlt einen Preis. Doch wir sollten das halbvolle Glas sehen: wenn wir uns JETZT einschränken, dann werden wir einfach weniger zahlen, als wenn wir warten (worauf eigentlich?),  ignorieren uns durchmogeln, bagatellisieren….

Die übertreibende Entwertung: Selbstaufgabe und Aktionismus

Was wäre nun die Übertreibung und damit Entwertung von Verantwortung und Solidarität für die Gemeinschaft? Die Antwort auf diese Frage fällt mir nicht leicht. Kann man überhaupt Solidarität übertreiben und damit entwerten? Und was genau bedeutet das im konkreten Fall? Meine (vorläufige) Antwort lautet so. Für mich wäre es eine Übertreibung, wenn von mir die komplette Selbstaufgabe meiner Lebensweise erwartet würde. Das sehe ich allerdings nicht kommen. Entwertend wäre für mich auch, wenn ich den Eindruck hätte, dass im Namen der Verantwortung ein Aktionismus betrieben würde, der (individuellen) Schaden produziert  ohne (kollektiven) Nutzen zu erzeugen (z.B. glaube ich, dass ein Umtausch aller Geldscheine wie in Armenien nicht wirklich was bringt). Und schließlich wäre es für mich eine Entwertung der guten Absicht, wenn Solidarität auf Kosten anderer geht (so wie die amerikanische Regierung gerade versucht, eine Exklusiv-Lösung der Krise zu erkaufen). All das würde ich nicht mittragen wollen. Doch um ehrlich zu sein, sehe ich keine dieser möglichen Übertreibungen aktuell.

Was leitet sich nun ab aus dem Covid-19-Wertequadrat?

Für mich ergeben sich daraus ein paar handlungsleitende Maximen:

  • Sei sorgsam mit Dir selbst und ignoriere nicht das Risiko.
  • Kümmere Dich um Dein gesundheitliches und wirtschaftliches Wohl ohne anderen dabei zu schaden.
  • Bleibe gelassen, denn mentale Stärke hilft dabei, gesund zu bleiben.
  • Übe Dich im solidarischen Denken und Handeln (WIR-Modus), Egoismus kann ich sowieso ganz gut 😉

Mir hilft es zu überlegen, aus welcher Perspektive heraus ich gerade argumentiere. Worum geht es mir wirklich, wenn ich für oder gegen etwas bin? Verlasse ich gerade meine selbst gesteckten Prinzipien? Kann ich wirklich verantworten, was ich gerade vorhabe? Ich werde in den nächsten Tagen und Wochen immer mal wieder zu entscheiden haben, wie ich mich verhalten soll. Das Patentrezept gibt es nicht. Doch das Wertequadrat gibt mir einen Kompass, der mich hoffentlich auf einen guten Weg führt.

In diesem Sinne, bleibt gesund in dieser einmalig-besonderen Zeit und lasst mich gern wissen, was Ihr zu meinen Überlegungen sagt.

8 Kommentare
  1. Susann Schade
    Susann Schade sagte:

    Liebe Katharina, ich habe Deine klugen Gedanken wie so oft sehr gern gelesen und werde sie mitnehmen. Danke, dass Du uns teilhaben lässt 🙂Liebe Grüße!

    Antworten
  2. Katrin Tille
    Katrin Tille sagte:

    Liebe Katharina, danke für deine ordnenden Gedanken! Dein Angebot, alles das, was vielen uns gerade durch den Kopf schwirrt, in Bahnen zu lenken, kann uns helfen, die aktuelle Situation im besten gemeinschaftlichen Sinne zu meistern.

    Antworten
  3. Elisabeth v. Kloeden
    Elisabeth v. Kloeden sagte:

    Liebe Katharina, danke für deine Orientierungshilfe in dem Wertequadrat. In dieser Zeit ist das so wichtig, dass man sich an Werten orientieren kann. Ich hoffe, dass viele Menschen deine Worte lesen. Lass uns weiterhin an deinen Überlegungen teilhaben.

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