Schule? Vielen Dank für gar nichts!

Rosa Ibrahim
Gastbeitrag einer 18-Jährigen

Wo bleibt die Neugier der Kinder?

Neulich sprach ich mit einem kleinen Mädchen, gerade drei Jahre alt. Sie erzählte mir, wie sehr sie sich freut, wenn sie endlich in die Schule gehen kann. Endlich lesen, schreiben und rechnen zu können –  davon träumte sie. Voll Freude und Enthusiasmus war sie neugierig auf die Welt. Ganz ohne Zwang wollte sie lernen – einfach von sich aus. Ein wenig später fragte sie mich, wieso wir denn eigentlich Blut haben, warum es rot ist und wofür es denn  gut sei. Einfach weil es sie interessiert hat.

Wird ein Lehrer in 13 Jahren dieses Thema im Unterricht behandeln, wird ihre einzige Frage dazu sein, ob das Thema für den nächsten Test relevant ist. Wenn nicht – wen interessiert schon, warum Blut rot ist.

Also was ist da passiert. Wo ist die Neugier des Mädchens hin und warum hat sie sie verloren?

Rosa

Warum unsere Schule ist, wie sie ist

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass in  unserem Schulsystem die Neugier verloren gehen kann. Doch wieso? Es kommt aus der Zeit der Industrialisierung. Die Menschen, die aus der Schule kamen, mussten für klare, normierte Prozesse geschaffen sein. Sie sollten also einer universellen Norm entsprechen, die für die Industrie benötigt wurde. Außerdem waren die gesellschaftlichen Normen damals noch deutlich strenger. Es gab für alle die gleichen geltenden Werte. Autoritäten wurden akzeptiert und sogar gefordert. Aber das ist nun 100 Jahre her. Unsere Gesellschaft hat sich verändert. Mit ihr haben sich unsere Werte  verändert. Wir haben uns verändert. Nur unser Schulsystem ist gleich geblieben.

Diktatur Schule

Jeden Tag schicken wir unsere Schüler in einen hässlichen Raum, lassen sie 8 Stunden am Tag auf unbequemen Holzstühlen sitzen, schreiben ihnen die Zeiten zum Essen und Kacken vor, lassen sie nur nach Erlaubnis sprechen und bestimmen, was sie wann denken sollen. Man könnte es Diktatur nennen….

Doch unsere Gesellschaft hat sich verändert. Alles ist individualisiert und jeder kann handeln wie er es für richtig hält. Und wer erkennt schon eine Autorität an? Wer lässt sich gerne was vorschreiben? Auch unsere Arbeitswelt hat sich verändert. Wir haben kaum noch Arbeitsplätze die tatsächlich einfach nur einem sturen Muster folgen. Gebraucht werden Leute, die kreativ und innovativ sind, kritisch denken und unabhängig handeln können. Und genau das Gegenteil erreicht unsere Schule.

Frag jeden auf der Straße und er wird dir sagen, dass wir alle unterschiedlich sind. Interviewe einen Wissenschaftler und er wird dir sagen, dass jedes Gehirn anders aufgebaut und verknüpft ist. Schau dich selbst an und vergleiche dich mit deinem Nachbarn aus dem Haus gegenüber und dir werden tausend Unterschiede auffallen. Doch was tun wir in der Schule? Wir stecken 25 Kinder mit unterschiedlichen Bedürfnissen, Stärken, Interessen und Träumen in eine Raum und schreiben ihnen vor, das Gleiche, in der gleichen Art und Weise, in der gleichen Zeit zu lernen. Und wenn sie das nicht schaffen, bekommen sie das Label ungenügend verpasst. Anstatt ihnen einen anderen Weg zu zeigen, werden ihnen  Steine nicht nur in den Weg gelegt, sondern auch noch an den Kopf geworfen.

Das Spiel um die Noten

Bekommt ein 11 jähriges Kind nach jedem Mathetest eine 4 oder 5, erhält es jedes mal die Botschaft  “Du bist zu dumm dafür”. Und irgendwann wird es das glauben. Doch hätte man sich Zeit für das Kind genommen, ihm die Chance gegeben es zu verstehen und das nun nicht in 2 Wochen sondern meinetwegen in 7 Wochen, hätte dieses Kind Begeisterung für Mathe entwickeln können. Das geschieht nicht. Stattdessen wird es auch im nächsten Test nur eine weitere schlechte Note bekommen, da es ja den Anschluss schon längst verloren hat. Und so geht es nicht nur einem Kind in einem Fach, sondern fast jedem Kind in fast jedem Fach.

Aber es gibt ja auch gute Noten, oder nicht? Doch an was erinnert man sich denn noch aus seiner Schulzeit, wenn diese vorüber ist. Das Meiste wird man vergessen haben, da man für den Test auswendig gelernt hat, sein Wissen über diesem erbrochen hat und nach zwei Tagen alles aus dem Kopf verpufft ist. Welche Bedeutung hat die rote „1“ dann noch? Unser Notensystem ist wie ein Spiel um die besten Punkte. Dabei ist es nicht wirklich entscheidend, ob man etwas für seine Zukunft gelernt hat. Es zählt lediglich, wie gut man sich den Spielregeln dieses Spiels anpassen kann.

Also was hast du geschafft Schulsystem, nachdem unsere Kinder 10 bis 13 Jahre mit dir verbracht haben?  Vielleicht haben sie tatsächlich was gelernt. Doch dein größtes Verdienst ist sicherlich, einer ganzen Generation die Jugend gestohlen zu haben und sie von Tag zu Tag aufs neue zu frustrieren und zu demotivieren.

Lehrer – Sündenbock der Nation

Und was ist mit unseren Lehrern? In meinen Augen ist der Lehrer einer der wichtigsten Berufe auf unserem  Planeten. Aber auch die Lehrer werden von diesem System verbrannt.  Sie stellen sich jeden Tag vor eine Gruppe junger Kinder und zwingen diese,  einen  Stoff für einen bestimmten Test zu lernen. Sie arbeiten also den Großteil ihrer Zeit immer gegen etwas und nicht mit oder für etwas. Und so entstehen zwei Fronten, die sich jeweils als Feind betrachten. Dabei sollte es doch viel mehr eine Kooperation sein mit der beide Beteiligte produktiv arbeiten können.

Was ich mir für meine Kinder wünsche

Ich wünsche mir für meine Kinder eine Schule, in der ihnen Freiraum gelassen wird: Freiraum, um sich Themen, auf die für sie beste Art und Weise anzueignen; Freiraum in dem sie selber entscheiden, wann sie was lernen möchten. Ich bin der Meinung, dass es nicht sinnvoll ist, in Fächern zu lernen. Unsere Welt ist nicht in Fächer aufgeteilt. Es wäre deutlich zielführender nach Themen zu lernen. Nehmen wir das Thema Klimawandel. Um diesen zu verstehen, brauche ich Wissen aus Geografie, Chemie, Physik, Ökonomie, Ethik, … Wenn meine Kinder so lernen, dann können sie ihr Wissen in „das große Ganze“ einordnen und kennen die Bedeutung des Erlernten. Ich wünsche mir, dass der Lehrer seine bestimmende Funktion ablegt und eine begleitende und unterstützende Rolle einnimmt. Doch der in meinen Augen wichtigste Punkt, um all das zu erreichen ist, die Klassen aufzulösen. Ein individuelles Lernen kann nicht in einem festgelegten Verband stattfinden.

Reformen  werden dafür jedoch nicht die Lösung sein, da das System selbst das Problem ist. Es muss also verworfen werden und einem neuen Platz machen. Das ist der Weg aus der Frustration, die ich auf allen Seiten sehe. Doch am Ende ist unser Schulsystem einfach von Menschen geschaffen worden und  kann auch von Menschen wieder verändert werden.

1 Antwort
  1. Thoralf
    Thoralf sagte:

    Liebe Rosa, ein wunderbarer Text, ich hatte Tränen in den Augen. Meine Kinder gehen beide in die gleiche Schule wie Du. Auch diese Beiden hoffen nur noch, dass es „irgendwie zu einem Ende kommt“. Mir ging es vor vielen Jahren ebenso, ich habe alles was auch nur nach Schule roch gehasst, hatte Magenschmerzen allein von dem Gedanken da hin zu müssen. Wir wollten es besser machen, wollten verhindern, dass unseren Kindern ebensolches widerfährt. Wir haben, gemeinsam mit vielen, zunächst gutmeinenden, engagierten, klugen Enthusiasten eine (Deine) Schule gegründet. Wir wollten Euch genau das ersparen, was Du jetzt resümierent beschreibst. Ich begleite das Projekt seit dem Jahre minus zwei der Schule und muß nun feststellen wir haben versagt, versagt auf ganzer Linie. Ich kann mich dafür nur entschuldigen. Vielleicht schafft Ihr es ja es für Eure Kinder besser zu machen ? Unsere Unterstützung, sollte sie gewünscht sein, ist Euch sicher. Vielleicht ziehen dann unsere Enkel am Ende ein positiveres Resümee. Das wäre schön.

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