Auf ein Glas: Inspiration auf der Alm

Selbstorganisation  – Einfach sich selbst überlassen?

Können Sie sich vorstellen, Ihre wichtigste Ressource im Unternehmen einfach so sich selbst zu überlassen? Wenn dieses wichtigste Kapital die Menschen sind (so heißt es ja oft), dann wäre die Frage also: Würden Sie ihre Mitarbeiter einfach mal ganz „unbeaufsichtigt machen lassen“? Ich meine damit nicht Ihre zwei Wochen Urlaub, in denen „der Laden irgendwie weiterläuft“.  Sondern etwa sowas: im Mai, wenn das Wetter schön wird, geht’s los. Dann gehen alle ihrer Wege und tun ihr Bestes. Kein vorgegebener Ablauf, keine Kontrolle aber auch volles Risiko. Im Oktober kommen alle wieder zurück, sind gut erholt, erfolgreich und zufrieden.

Selbstorganisation_Kuh

Almwirtschaft –  Selbstorganisation 1.0

Verrückt oder? So funktioniert Alm-Wirtschaft – natürlich etwas laienhaft verkürzt dargestellt. Keine Sorge, ich will Kuh und Mitarbeiter nicht gleichsetzen und auch biologistische Vergleiche liegen mir fern. Doch diese Art und Weise des Wirtschaftens wirft in der Tat eine interessante Frage auf: Was tun verantwortungsvolle Bauern, um in die Selbstorganisation ihrer Kühe und Herden auf der Alm vertrauen zu können?

Manches davon scheint vielleicht banal. Doch stellen Sie sich für einen Moment vor, die Alm-Wirtschaft wäre noch nicht erfunden und jemand käme mit dieser absurd-neuen Idee um die Ecke. Dann müsste man sich ja schon mit der Frage auseinandersetzen, ob das eigentlich gehen kann und wie groß das Risiko ist. In einer vergleichbaren Situation befinden wir uns gerade in Sachen Selbstorganisation im Unternehmenskontext. Das klingt auch ziemlich schräg und doch wird es in ein paar Jahren eine normale Art des Arbeitens sein. Davon bin ich überzeugt. In der Alpenregion gibt es seit 4000 Jahren eine Tradition in Sachen Almwirtschaft. Ohne sie wäre weder die Besiedlung des alpinen Raums noch der Abbau von Silber und anderen Bodenschätzen denkbar gewesen. Was heute eine normale Wirtschaftsform ist, war in grauer Vorzeit revolutionäre Grundlage des regionalen Wirtschaftswachstums.

Lernen von der Almwirtschaft

Höchste Zeit also für ein Glas Wein, um ein bisschen genauer hinzuschauen. Was braucht es, damit die Selbstorganisation auf der Alm funktionieren kann?

Erstens:

  • Akzeptanz des natürlichen Rhythmus: wann geht es los? Wo wird wann geweidet, wann ist im Herbst der Abtrieb? Welche Rinderrassen sind am besten geeignet? Auf diese Fragen gibt es pragmatische Antworten, die auf Erfahrungswissen basieren. Die Idee mit der Alm ist keine Mode, nix „Hippes“, bei dem man eben mal mitmacht. Das vielleicht mit der Sömmerung des Viehs verbundene Risiko gehen die Bauern ein, weil die Vorteile eventuelle Nachteile deutlich überwiegen. Auch für moderne Selbstorganisation im Unternehmen gilt: es braucht einen triftigen Grund und ein erstrebenswertes lohnendes Ziel, damit eine neue Art des Arbeitens sich durchsetzen kann. Sonst bleibt das Ganze nur ein flüchtiger Trend. Den besten Weg zu finden, ist  auch hier Erfahrungssache. Wir werden hoffentlich keine 4000 Jahre dafür benötigen…

Zweitens:

  • Vertrauen in das gesunde Verhalten: Kühe sind Herdentiere und wissen, was gut für sie ist. In einer Herde werden unterschiedliche Rollen besetzt, die für das Funktionieren der Gruppe sorgen. Für einen modernen Stadtmenschen ist diese Aussage gar nicht so selbstverständlich. Wenn wir uns überhaupt mal mit der Frage beschäftigen, wie es unseren Nutztieren so geht, dann denken wir an Ställe und Futter. Auch die Landwirtschaft ist eben industrialisiert – und damit haben auch „unsere“ Kühe die Bekanntschaft mit Fließbändern und Melkmaschinen gemacht. Dass sie sich einfach selbst in der Welt zurechtfinden können und keine menschliche „Pflege“ benötigen, klingt da fast unglaublich. Genauso wundersam erscheint uns die Idee von Menschen, die „einfach so“ arbeiten, ohne Vorgaben und Führung, eben einfach selbstorganisiert. Dabei liegt das in der Natur des Menschen, auch wenn wir durch mehr als 100 Jahre Erfahrung in der Fließband-Arbeit uns das fast selbst nicht mehr zutrauen. Die Begegnung mit den Kühen auf den Almen in Tirol hat mich auf jeden Fall zum Nachdenken eingeladen.

Drittens:

  • Spielregeln sorgen für Sicherheit: wenn man in den Alpen wandert, gehören die Kuhglocken zur akustischen Kulisse. Was den Touristen erfreut, dient den Bauern der Ortung für den Notfall. Und dann begegnet man überall den Absperrungen, die Menschen passieren lassen und Kühe in Grenzen weisen. Regeln und Prozesse sind so auch für die „Selbstorganisation“ der Herden wichtige Rahmenbedingungen. Spielregeln braucht es aber auch für den Umgang mit den Außenstehenden, die keine Ahnung haben von den besonderen Details des Alm-Lebens. Für den wandernden Touristen ist eine Alm eine Wiese. Da bedarf es der Aufklärung, dass das hier etwas anderes ist, als der heimatliche Stadtpark.

Selbstorganisation_Schild

Auch im Unternehmenskontext hat Selbstorganisation nichts mit Laisser-faire oder „Basisdemokratie“ zu tun. Wer hier erfolgreich sein will, braucht neue Regeln, aber eben doch Regeln und Prozesse. Es geht darum, Verantwortung anders zu organisieren.

In jedem Falle geht es darum, einfach anzufangen, auszuprobieren und drüber zu reden. Anders hätten unsere Vorfahren den Dreh mit der Almwirtschaft auch nicht rausbekommen 😉

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