Auf ein Glas: Vertrauen wagen?

In einer Welt der offenen Türen

Wenn es einen im Sommerurlaub in abgelegene Dörfer verschlägt, dann kann man es ab und an wirklich noch beobachten. Zumindest ist es mir in diesem Sommer so ergangen.  Unsere Wanderungen in den Tiroler Bergen führten uns an Bauernhöfen vorbei, traumhaft gelegen, ruhig und abgeschieden. Und dann war es da wieder: die Türe war nur angelehnt, der Schlüssel steckte und weit und breit kein Mensch zu sehen!

Wie verrückt ist das denn? Zu Hause haben wir gerade unsere Haus- und Wohnungstüren verstärkt. Wir leben in unsicheren Zeiten, überall hört man von Einbrüchen oder zumindest versuchten Diebstählen. Und dann gibt es Menschen, die sich darum nicht scheren und noch nicht mal ein Minimum an Sicherung vornehmen. Ist das nur naiv oder steckt mehr dahinter? Augenscheinlich leben hier Menschen mit großem Vertrauen in ihre Umwelt. Doch woher nehmen sie diese Zuversicht? Was braucht es für ein solches Maß an Grundvertrauen?

Bauernhaus

Was  offene Haustüren mit Unternehmensorganisation zu tun haben

Die Frage ist deshalb interessant, weil moderne Formen der Arbeitsorganisation auf Vertrauen setzen. Führung jenseits hierarchischer Anweisung braucht Vertrauen. Das lässt sich bekanntlich nicht verordnen. Wie kann Vertrauen also entstehen oder gefördert werden? Und was kann man dazu von Menschen mit unverschlossenen Haustüren lernen?

Bei einem Glas Wein bin ich der Frage gemeinsam mit meinem Mann nachgegangen. Er kennt aus seiner Kindheit diese Gepflogenheit der offenen Türen sogar noch aus der Großstadt. Nur nachts wurde die Tür geschlossen und selbst da eigentlich eher wegen der streunenden Tiere als aus Sorge vor bösen Menschen. Wir haben herausgefunden, dass es diese 3 Dinge sein müssen, die für Vertrauen sorgen.

Drei Dinge, die Vertrauen ermöglichen

  • Wer bis dato keine schlechten Erfahrungen gemacht hat, kann augenscheinlich seinem gesunden Urvertrauen folgen. Das gibt es auch in anderen Bereichen: Mir passiert schon nichts! Das höre ich auch von meiner Tochter, wenn sie abends und nachts durch die Stadt läuft. Natürlich stellt sich hier gleich die Frage, ob das nicht naiv ist. Ist nicht die Vorsicht die Mutter der Porzellankiste? Zu Weihnachten habe ich hier im Blog auf das Online-Spiel  Evolution des Vertrauens verwiesen. Hier können Sie selbst nachvollziehen, wie der Unterschied zwischen blinder Naivität und bewusstem Vertrauen funktioniert. Die Spieltheorie zeigt, dass letzteres die erfolgreichere Strategie für „Gewinner“ ist.
  • Menschen mit offenen Haustüren leben eher in einem ihnen bekannten Umfeld. Sie wissen, wer um sie herum zu Hause ist. So erkennt man, von welchem Nachbar-Grundstück das Hundegebell kommt. Und der intensive Curry-Geruch stammt aus der Küche nebenan, weil man dort seit der letzten Urlaubsreise der fernöstlichen Küche zugeneigt ist… Dabei muss man die Nachbarschaft mit ihren Eigenarten gar nicht unbedingt mögen. Doch Vertrauen kann nur gedeihen, wenn es ein Mindestmaß an Bekanntheit gibt und der andere damit berechenbar wird. Anonymität und Vertrauen vertragen sich dagegen nur schwer.
  • Ein entspanntes Miteinander setzt ein akzeptiertes Maß an Ungleichheit voraus. „Offene Türen“ funktionieren nur mit einer Haltung des „Leben und Leben lassen“. Vielleicht hat mein Nachbar etwas mehr oder weniger als ich, doch diese Unterschiede beeinträchtigen weder mein Selbstwertgefühl noch unser Zusammenleben. Das ist ein wichtiger Punkt, denn es geht nicht um das Leben in einer Kommune, in der alle das Gleiche besitzen. Einkommensunterschiede bis zum 10-fachen eines (zu definierenden) Basis-Levels sind in unseren Breitengraden durchaus gesellschaftlich akzeptiert.  Doch geht die Schere weiter auseinander, wird es kritisch. Auch wenn es wohl keinen linearen Zusammenhang zwischen wachsenden sozialen Unterschieden und ansteigender Kriminalität gibt: Werden ungleiche Lebensverhältnisse als ungerecht und demütigend empfunden, dann sinken Hemmschwellen auf Seiten der Schwächeren. Und die Stärkeren haben etwas zu verteidigen. In jedem Fall ist eine solche Konstellation nicht vertrauensbildend, sondern fördert Abschottung und Feindbilder.

Was heißt das für Vertrauen im Unternehmenskontext?

Es bedarf  wohl mehr als eines Bekenntnisses zum vertrauensvollen Umgang. „Vertrauen“ ist ja ein beliebter Wert in Unternehmensleitbildern und Papieren zu Mission und Vision. Ab und an wird auch versucht, durch eine verordnete Duz-Kultur dem Vertrauen auf die Sprünge zu helfen. Schön, wenn auf diese Weise zumindest ein gemeinsames Nachdenken zum Thema angestoßen wird. Um ein vertrauensvolles Miteinander im Haus wirklich und ehrlich zu unterstützen braucht es jedoch keine Show-Effekte, sondern viele kleine unspektakuläre Zeichen und Initiativen.

Das können Sie dafür tun

  • Sorgen Sie für mehr Kontaktmöglichkeiten zwischen Teams, Abteilungen und Bereichen. Meine Erfahrung zeigt, dass Mitarbeiter das Vertrauensverhältnis in ihren eigenen Teams vergleichsweise hoch bewerten. Das Vertrauen zwischen Bereichen und Abteilungen und „nach ganz oben“ wird häufig eher kritisch gesehen. Kein Wunder: oftmals kennt man sich nicht wirklich.
  • Auch im Unternehmen gibt es ein akzeptiertes Maß an Ungleichheit. Das betrifft nicht nur (aber bestimmt auch) das Einkommen. Es geht um Rechte, Privilegien, Ownership, Prozesshoheit, Kompetenzzuschreibung, kurz: um alles, was meinen Status in der Organisation bestimmt. Sind Macht und Verantwortung sachgerecht und zielführend organisiert, dient das auch dem Vertrauen. Denn dann kann ich als Einzelner davon ausgehen, dass die Unterschiede und Ungleichheiten einen guten Grund haben und dem Großen und Ganzen dienen. Wenn Sie also Strukturen und Prozesse auf ihre Sinnhaftigkeit hin prüfen, tun Sie auch etwas für ein vertrauensvolles Miteinander im Unternehmen.
  • Üben Sie das Loslassen. Je mehr Verantwortung Sie in Ihrer Organisation haben, desto größer ist das Risiko, sich im Elfenbeinturm des Misstrauens zu verfangen. Ich weiß, wovon ich rede. Mitarbeitern zu vertrauen, bedeutet mehr Zeitaufwand, weniger Perfektionismus und überhaupt 😉 Tun Sie es trotzdem, denn die Menschen orientieren sich an Ihrem Verhalten und werden Ihrem Vorbild folgen. Und das kann der wunderbare Anfang einer Graswurzelbewegung in Sachen Vertrauen sein….

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